Schweinegrippe (Influenza A/H1N1)
IndikationenZusammenfassungDie Schweinegrippe ist eine Infektion mit Viren vom Typ Influenza A (H1N1), die Ende April 2009 in Mexiko und in den USA aufgetreten ist und sich im Verlauf des Jahres zu einer Pandemie entwickelt hat. Es handelt sich um ein neuartiges Schweineinfluenzavirus, das nicht nur vom Schwein auf den Menschen, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragen wird. Wie die saisonale Grippe äussert sich die Schweinegrippe als Atemwegserkrankung mit plötzlichem Fieberanstieg, Muskel-, Kopf- und Gelenkschmerzen. Wie bei der saisonalen Grippe sind in seltenen Fällen gefährliche Komplikationen wie eine Lungenentzündung möglich. Zur Behandlung werden unter anderem die Neuraminidasehemmer Oseltamivir (Tamiflu®) und Zanamivir (Relenza®) eingesetzt. Die Impfung steht in der Schweiz seit November 2009 zur Verfügung.
synonym: Influenza A/H1N1, Schweineinfluenza, A/H1N1, swine influenza A H1N1, Pandemische Grippe
Symptome
- Fieber, Schüttelfrost
- Muskel-, Gelenk- und Kopfschmerzen
- Schwäche, Müdigkeit
- Halsschmerzen
- Trockener Reizhusten
- Besonders bei Kleinkindern auch Übelkeit, Erbrechen und Durchfall
- Weitere Beschwerden (vgl. Grippe)
Ursachen
Ein bisher unbekanntes Influenza A-Virus (Schweineinfluenzavirus) des Subtyps H1N1, das von Schweinen auf den Menschen übertragen wurde. Es ist eine neue Kombination aus Genbestandteilen von Viren aus Schweinen, Vögeln und Menschen.
Die Grippe ist eine der häufigsten Atemwegserkrankungen bei Schweinen mit Symptomen wie Fieber, Lethargie, Husten und Atembeschwerden. Der erste Fall wurde während der grossen Grippepandemie von 1918-1919 beschrieben. Bisher wurde aber meist über eine direkte Übertragung von Schweinen auf Menschen berichtet, die sekundäre Übertragung von Mensch und zu Mensch galt als selten.
Schweine gelten als bekanntes „Mischgefäss“ für neue Influenzaviren, weil sie sowohl von Schweinegrippeviren, Vogelgrippeviren, wie auch von menschlichen Influenzaviren infiziert werden können. Dabei entstehen neue genetische Kombinationen, für die in der Bevölkerung keine Immunität vorhanden ist (sogenanntes Reassortment).
Übertragung
Von Mensch zu Mensch, resp. von der Umgebung auf den Menschen:
- Bei näheren Kontakt mit infizierten Menschen (Küssen, Händeschütteln).
- Über die Hände: Die Hände können direkt durch Tröpfchen oder durch belastete Gegenstände oder Oberflächen kontaminiert werden.
- Kontakt mit Gegenständen und Oberflächen.
- Über die Luft durch Tröpfchen (Tröpfchen > 5 µm), die durch Husten, Niesen oder Spucken ausgestossen werden.
- Die Übertragung über Aerosol (Tröpfchen < 5 µm) scheint im Vergleich zu den anderen Übertragungswegen etwas weniger wichtig, darf aber nicht unterschätzt werden, vor allem in geschlossenen Räumen.
Vom Schwein auf den Menschen:
- Tröpfcheninfektion oder Kontakt mit belasteten Gegenständen und Oberflächen.
- Es muss auch mit einer Rückübertragung von Menschen auf Schweine gerechnet werden.
Über Schweinefleisch:
- Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass die Viren durch Schweinefleisch übertragen werden.
Dauer der Ansteckungsfähigkeit
Vom ersten Tag vor Ausbruch der Symptome bis 7 oder mehr Tage, nachdem die Person erkrankt ist. Ist eine Person länger als 7 Tage krank, sollte sie als weiter ansteckungsfähig betrachtet werden, bis die Symptome nachgelassen haben. Es ist bekannt, dass Kinder mit Grippe über eine signifikant längere Zeit ansteckungsfähig bleiben als Erwachsene (im Vorschulalter bis 21 Tage).
Die Inkubationszeit ist bei Influenzainfektionen in der Regel kurz (1-4 Tage, bis zu 8 Tage).
Komplikationen
Ein erhöhtes Komplikationsrisiko besteht hauptsächlich bei Kindern, Schwangeren, sowie bei jüngeren und älteren Menschen mit chronischen Erkrankungen.
- Lungenentzündung
- Bakterielle Superinfektion, besonders der Atemwege, Mittelohrentzündung
- Kardiovaskuläre Probleme
- Myokarditis
Diagnose
In ärztlicher Behandlung. Eine Diagnose, die nur auf den Symptomen beruht, ist nicht möglich, da zahlreiche Viren ähnliche Krankheitsbilder auslösen können. Zu den Differentialdiagnosen gehören zum Beispiel die Erkältung und die saisonale Grippe.
Impfung
Die Impfung wurde ab Ende Oktober 2009 geliefert und war ab November 2009 in der Schweiz verfügbar (Celtura®, Focetria® und Pandemrix®).
Vorbeugung
Persönliche Hygienemassnahmen im Fall eines grösseren lokalen Ausbruchs:
(Quelle: BAG / Influenza-Pandemieplan Schweiz)
1. Händehygiene:
- Waschen Sie sich Ihre Hände regelmässig und gründlich mit Wasser und Seife. Im Alltag ist dazu kein spezielles Händedesinfektionsmittel notwendig. (Die Händedesinfektion sollte nur in speziellen Situationen angewandt werden).
2. Papiertaschentücher:
- Halten Sie sich bevor Sie Husten oder Niesen ein Papiertaschentuch vor Mund und Nase. Verwenden Sie dazu ausschliesslich Papiertaschentücher, und entsorgen Sie diese nach Gebrauch in einem Abfalleimer. Waschen Sie sich danach die Hände.
3. Verhaltensregeln in der Öffentlichkeit:
- Vermeiden Sie bei Möglichkeit, in engen Kontakt zu anderen Personen zu treten. Wahren Sie einen Abstand von mindestens einem Meter zwischen sich und Ihren Gesprächspartnern. Verzichten Sie darauf, sich zur Begrüssung/Verabschiedung die Hände zu reichen. Verzichten Sie auch auf Umarmungen und Begrüssungsküsse.
- Das BAG rät Erkrankten zuhause zu bleiben, um das Risiko einer Übertragung auf andere zu verkleinern. In den Alltag sollte man erst einen Tag nach dem Abklingen der Symptome zurückkehren. Erkrankte, die zu einer Risikogruppe gehören (z.B. Schwangere, Kinder, chronisch Kranke) sollten mit ihrem Arzt Kontakt aufnehmen. Auch beim Auftreten von Komplikationen und bei einem schweren Krankheitsverlauf sollte man mit dem Arzt Kontakt aufnehmen.
4. Hygienemasken:
- Nur im Pandemiefall auf Empfehlung des BAG: Tragen Sie während der Pandemie in bestimmten, vom Bundesamt für Gesundheit empfohlenen Situationen (z.B. während dem Aufenthalt in grösseren Personenansammlungen oder im öffentlichen Verkehr) eine Hygienemaske, um sich und andere zu schützen. Entsorgen Sie Ihre Maske nach Gebrauch in einem Abfalleimer, und waschen Sie sich die Hände. Das Tragen von Masken ist nur im Zusammenhang mit den übrigen empfohlenen Hygienemassnahmen sinnvoll und wirksam. Da Kinder diese nicht bzw. nur teilweise nachvollziehen und einhalten können, wird für sie das Tragen von Hygienemasken nicht empfohlen, insbesondere sind sie für Säuglinge und Kleinkinder nicht geeignet. Im Pandemiefall wird zum Schutz der Kinder empfohlen, sie nach Möglichkeit zu Hause zu behalten.
Weitere Informationen zu diesen Hygienemassnahmen finden Sie unter: http://www.bag.admin.ch/pandemie/ 
Chemoprophylaxe:
- Eine Chemoprophylaxe mit Neuraminidasehemmern (Oseltamivir, Zanamivir) ist möglich. Das BAG rät jedoch davon ab.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Bettruhe, Vermeiden von Anstrengungen
- Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, z.B. heisser Tee
- Fieberbehandlung mit kühlenden Wickeln, lauwarmem Wasser oder einem Bad
Medikamentöse Therapie
Behandlung der akuten Beschwerden:
Siehe unter dem Artikel Grippe. Die Beschwerden der Schweinegrippe können genau gleich wie die einer normalen Grippe behandelt werden. Bei starken Beschwerden und bei Risikogruppen soll sie in ärztlicher Behandlung erfolgen. Gegen Fieber, Kopfschmerzen, Halsschmerzen und Gliederschmerzen helfen Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen. Bei Husten können Hustenmittel eingenommen werden. Antihistaminika wie Doxylamin sind in einigen Kombinationspräparaten gegen Schlafstörungen enthalten. Sie sollten zurückhaltend eingesetzt werden. Schliesslich stehen zahlreiche weitere schul- und alternativmedizinische Mittel zur Verfügung.
- Oseltamivir (Tamiflu®)
- Zanamivir (Relenza®)
- Peramivir (in der Schweiz nicht zugelassen)
Neuraminidasehemmer wirken ursächlich gegen die Vermehrung von Grippeviren. Die Therapie sollte so früh wie möglich, innert 48 Stunden nach Krankheitsbeginn eingeleitet werden. Sie hemmen die Neuraminidasen von Influenza-Typ A und B Viren. Diese Enzyme sind für die Freisetzung neu gebildeter Viren aus infizierten Zellen und somit für die weitere Verbreitung infektiöser Viren im Organismus von zentraler Bedeutung. Animation 
Das organische Anion Probenecid könnte bei einer Tamiflu®-Knappheit theoretisch verwendet werden, um Oseltamivir zu „strecken“. Es hemmt die Ausscheidung an der Niere und führt zu einem zweifachen Anstieg der Verfügbarkeit (Benötigte Dosis: 4 mal täglich 500 mg Probenecid). Diese Kombination ist allerdings noch ungenügend untersucht und Off-Label. Zudem müssten die Kontraindikationen und Interaktionen von Probenecid, sowie die Compliance berücksichtigt werden (Holodniy et al., 2008; Rayner et al., 2008).
M2-Kanal Inhibitoren:
Die untersuchten Viren waren gegenüber beiden Wirkstoffen resistent. Die Arzneimittel sind höchstwahrscheinlich unwirksam.
- Amantadin (PK-Merz®, Symmetrel®)
- Rimantadin (nicht im Handel)
Persönliche Ausrüstung
Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt für den Fall einer Pandemie einen persönlichen Vorrat von 50 Hygienemasken pro Person anzulegen (Typ II oder IIR, siehe Hygienemasken, Abbildung). Der Grund für diese Empfehlung ist, dass die Masken im Notfall ausverkauft sein könnten und es lange dauern kann, bis sie wieder nachgeliefert werden. Dem Pflegepersonal werden Atemschutzmasken empfohlen.
Ergänzende Ausrüstung:
- Seife
- Papiertaschentücher
- Desinfektionsmittel. Zur Händedesinfektion sind verschiedene Produkte im Handel (siehe Händedesinfektion). Zur Oberflächendesinfektion ist Javelwasser sehr gut wirksam. Wo Javelwasser nicht verwendet werden kann, können Isopropanol, Ethanol oder geeignete Fertigprodukte verwendet werden.
- Medikamente zur symptomatischen Therapie, etwa fiebersenkende und schmerzlindernde Arzneimittel wie NSAID oder Paracetamol.
- Die persönliche Beschaffung von antiviralen Medikamenten auf Vorrat wird nicht empfohlen. Der Bund hat ein Notlager angelegt.
siehe auch
Beachten Sie auch die folgenden Seiten:
- Grippe
- Hygienemasken und Atemschutzmasken
- Oseltamivir
- Probenecid
- Zanamivir
- Neuraminidasehemmer
- Amantadin
- Händedesinfektion
- http://www.pharmasquare.org/flash/Tamiflu.html

Literatur
Aktuelle Informationen:
- Bundesamt für Gesundheit http://www.bag.admin.ch/influenza/

- BAG-Pandemiewebseiten: http://www.pandemia.ch

- Hotline des Bundesamtes für Gesundheit: 031 322 21 00 (Medgate)
- WHO: http://www.who.int/csr/disease/swineflu/en/index.html
- European Centre for Disease Control and Prevention: http://ecdc.europa.eu/en/

- CDC: http://www.cdc.gov/swineflu

Literatur zur Schweineinfluenza:
- Myers K.P., Olsen C.W., Gray G.C. Cases of swine influenza in humans: a review of the literature. Clin Infect Dis, 2007, 44(8), 1084-8 Pubmed

- Swine Influenza A (H1N1) infection in two children--Southern California, March-April 2009. MMWR Morb Mortal Wkly Repm Centers for Disease Control and Prevention (CDC), 2009, 58(15), 400-2 Pubmed

- Olsen C.W. The emergence of novel swine influenza viruses in North America. Virus Res. 2002, 85(2), 199-210 Pubmed

- Van Reeth K. Avian and swine influenza viruses: our current understanding of the zoonotic risk. Vet Res, 2007, 38(2), 243-60 Pubmed

- Zhou N.N. et al. Genetic reassortment of avian, swine, and human influenza A viruses in American pigs. J Virol, 1999, 73(10), 8851-6 Pubmed

Weitere Quellen:
- Influenza-Pandemieplan Schweiz (Version Januar 2009)
- Fachinformation
- Collignon P.J., Carnie J.A. Infection control and pandemic influenza. Med J Aust, 2006, 185(10 Suppl), S54-7 Pubmed

- Holodniy M. et al. Pharmacokinetics and tolerability of oseltamivir combined with probenecid. Antimicrob Agents Chemother, 2008, 52(9), 3013-21 Pubmed

- Howton J.C. Probenecid with oseltamivir for human influenza A (H5N1) virus infection? N Engl J Med, 2006, 23, 354(8), 879-80 Pubmed

- Rayner C.R. et al. Population pharmacokinetics of oseltamivir when coadministered with probenecid. J Clin Pharmacol, 2008, 48(8), 935-47 Pubmed

- Ward P. et al. Oseltamivir (Tamiflu) and its potential for use in the event of an influenza pandemic. J Antimicrob Chemother, 2005, 55 (Suppl 1), i5-i21 Pubmed

Bildnachweis: PharmaWiki, BAG, Healthco-Pharma
Danksagung
Für Hinweise zu diesem Artikel:
- Barbara Denss, Apothekerin
- Martin Stalder, Apotheker
Autoren
Dr. Alexander Vögtli, Marina Würgler und Andrea Dür vom PharmaWiki Team für PharmaWiki.ch





