Amitriptylin
Arzneimittelgruppen
Antidepressiva
Trizyklische AntidepressivaZusammenfassungAmitriptylin ist ein stimmungsaufhellender Wirkstoff aus der Gruppe der trizyklischen Antidepressiva mit beruhigender und angstlösender Wirkung. Es wird einerseits zur Behandlung von Depressionen, andererseits auch gegen chronische Schmerzen (z.B. Nervenschmerzen, Kopfschmerzprophylaxe, Reizdarm) eingesetzt. Bei der Anwendung müssen die zahlreichen Vorsichtsmassnahmen und die möglichen Interaktionen beachtet werden. Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen gehören Mundtrockenheit, Übelkeit, Verstopfung, Gewichtszunahme, Zittern, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Akkomodationsstörungen und vermehrtes Schwitzen.
synonym: Amitriptylinum, Amitriptylini hydrochloridum PhEur
Produkte
Amitriptylin ist in Form von Kapseln und Tabletten im Handel (Saroten®, Tryptizol®, Limbitrol®). Es ist in der Schweiz seit 1961 zugelassen.
Struktur und Eigenschaften
Amitriptylin (C20H23N, Mr=277.4 g/mol) liegt als Hydrochlorid als weisses bis fast weisses Pulver oder als farblose Kristalle vor. Das Dibenzocycloheptadien-Derivat ist von Imipramin abgeleitet und gehört zu den trizyklischen Antidepressiva. In der Leber wird es durch eine N-Demethylierung über Cytochrome in den ebenfalls pharmakologisch aktiven Hauptmetaboliten Nortriptylin metabolisiert.

Wirkungen
Amitriptylin (ATC N06AA09) ist antidepressiv, angstlösend, spannungslösend, agitationsdämpfend, sedierend und schlaffördernd. Es hat anticholinerge, antihistaminerge und schmerzlindernde Eigenschaften.
Wirkmechanismus
Amitriptylin beeinflusst das Neurotransmittersystem im Zentralnervensystem. Es hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin in das präsynaptische Neuron.
Amitriptylin wirkt zudem antagonistisch am muskarinischen Acetylcholinrezeptor, am Histaminrezeptor vom Typ1, am 5-HT2-Rezeptor und am alpha1-Adrenorezeptor.
Indikationen
Amitriptylin wird bei verschiedenen depressiven Erkrankungen eingesetzt, unter anderem bei der endogenen, der reaktiven und der neurotischen Depression und bei Depressionen in der Geriatrie. Es kann in Kombination mit einem Neuroleptikum bei depressiver Symptomatik bei Psychosen aus der Gruppe der schizophrenen Reaktionsformen eingesetzt werden. Amitriptylin ist ebenfalls indiziert zur Behandlung von Stimmungsschwankungen bei somatischen Erkrankungen.
Amitriptylin ist zugelassen bei Patienten mit chronischen Schmerzen, die auf die übliche Behandlung nicht angesprochen haben. Es wird beim Reizdarm, bei Fibromyalgie, Nervenschmerzen und zur Vorbeugung von Spannungskopfschmerzen eingesetzt.
Dosierung
Die Dosierung und Dauer der Anwendung muss individuell auf den Patienten abgestimmt werden. Sie ist abhängig vom Schweregrad und von der Art des Leidens sowie vom Zustand und vom Alter des Patienten. Ältere Personen benötigen oft eine niedrige Dosierung. Im Allgemeinen gilt, die Dosis so tief wie möglich zu halten. Bei Vorliegen einer zerebralen oder kardialen Schädigung, Kreislauf- und Atemschwäche oder bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion muss die Dosis reduziert werden. Die Dosierung wird langsam aufgebaut und die Verabreichung erfolgt generell am Abend. Nach zufriedenstellender Wirkung wird die Erhaltungsdosis eingestellt, die den therapeutischen Effekt gewährleistet. Die stimmungsaufhellende, antidepressive Wirkung tritt meist erst nach 2 bis 3 Wochen ein. Die Beendigung der Behandlung ist ausschleichend.
Kontraindikationen
Überempfindlichkeit gegenüber Amitriptylin, während der unmittelbaren Genesungsphase nach einem Myokardinfarkt, bei Erregungsleitungsstörungen im Herzen und bei akuten Alkohol-, Barbiturat- und Opiatvergiftungen. Amitriptylin soll nicht mit MAO-Hemmern (inkl. Moclobemid und Selegilin) kombiniert werden, da schwere und manchmal fatale Reaktionen beobachtet wurden. Der Wirkstoff ist kontraindiziert bei Pylorusstenose, Prostatahyperplasie mit Restharnbildung und paralytischem Ileus. Da Amitriptylin auch eine anticholinerg ist, gelten ein unbehandeltes Engwinkelglaukom und Harnentleerungsstörungen auch als Kontraindikationen. Amitriptylin soll nicht während der Schwangerschaft und der Stillzeit und bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren angewandt werden. Amitriptylin ist kontraindiziert bei Einnahme von Cisaprid, da unerwünschte kardialer Wirkungen, einschliesslich QT-Verlängerungen, Arrhythmien und Leitungsübertragungsstörungen auftreten können.
Interaktionen
Interaktionen sind unter anderem mit den folgenden Wirkstoffen möglich:
- Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Alkohol
- Sympathomimetika, Methylphenidat
- Orale Kontrazeptiva, Barbiturate, Carbamazepin, Phenytoin und Nikotin
- SSRI, zum Beispiel Fluoxetin und Fluvoxamin
- MAO-Hemmer
- Johanniskraut
- Levodopa
- Anticholinergika
- Neuroleptika, Phenothiazine
- Antihistaminika
- Cimetidin
- Opioide, Tramadol
- Chlordiazepoxid
- Guanethidin, Betanidin
- Dicoumarol
- Disulfiram
- Fluconazol
- Rifampicin
- HIV Proteasehemmer
- Altretamin
- Sucralfat
Unerwünschte Wirkungen
Trizyklische Antidepressiva sind anticholinerg. Dies erklärt einen Teil ihrer Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Akkommodationsstörungen und Verstopfung.
Sehr häufig:
- Mundtrockenheit, verstopfte Nase, Verstopfung, Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Benommenheit, Zittern, Schläfrigkeit, Palpitation, tiefer Blutdruck, orthostatische Dysregulation, schneller Pulsschlag, Aggression, Sprachstörungen, Akkommodationsstörungen, vermehrtes Schwitzen, Gewichtszunahme
Häufig:
- Ameisenlaufen, Ataxie, Müdigkeit, Verwirrtheit, innere Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Hyponatriämie, Libidoverminderung, Impotenz, Geschmacksveränderung, Pupillenerweiterung, EKG-Veränderungen, AV-Block, myokardiale Reizleitungsstörung
Gelegentlich:
- Krämpfe, Kollapszustände, Bluthochdruck, Hypomanie, Manie, Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit, Albträume, Durchfall, Erbrechen, Harnverhaltung, erhöhter Augeninnendruck, Ausschlag, Nesselfieber, Gesichts- und Zungenödeme, Tinnitus, Gynäkomastie, Galaktorrhoe
Selten:
- Herzarrhythmie, Gewichtverminderung, Anorexie, Delirium, Halluzinationen, motorische Störungen, Polyneuropathie, Glaukomanfälle, Photosensibilitätsreaktionen, Haarausfall, Vergrösserung der Speicheldrüse, Darmverschluss, Leberfunktionsstörungen, Gelbsucht, Blutbildveränderungen, Fieber, allergische Entzündungen der Lungenbläschen bzw. des Lungengewebes, Kardiomyopathie
siehe auch
Literatur
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