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Gratis-Beratung in Apotheken: Wie ist das möglich?

Beratung ist in öffentlichen Apotheken meistens gratis. Die Dauer der Beratungsgespräche liegt typischerweise bei einigen Minuten, reicht aber je nach Problem auch einmal bis zu einer halben Stunde oder länger. Die Apotheke ist eine der wenigen Institutionen, in denen akademisch ausgebildete Fachpersonen direkt von der Strasse aus kostenlos erreichbar sind.

Es ist ein gängiges Missverständnis anzunehmen, diese Beratung koste nichts. Die Angestellten sind gut ausgebildet, beziehen einen Lohn und die Miete der Räumlichkeiten an guter Lage muss monatlich bezahlt werden. Weshalb ist Gratis-Beratung trotzdem möglich? Wieso lassen sich Juristen ihre Dienste pro Stunde mehrere hundert Franken kosten, nicht aber die Apothekerinnen?

Das Stichwort lautet Quersubventionierung. Sie begegnet uns jeden Tag und ist nichts Aussergewöhnliches: Das Strandbad mit Gratiseintritt, das sein Geld mit seinem Grillrestaurant verdient oder die Gratiszeitung, die mit Werbung finanziert wird, haben ein ähnliches Geschäftsmodell. Gratis-Beratung in Apotheken ist nur deshalb möglich, weil sie durch den Verkauf von Produkten und anderen Dienstleistungen quersubventioniert wird. Dazu gehören einerseits alle Produkte, für die der Kunde in der Apotheke direkt bezahlt, also Medikamente, Kosmetika, Reformhausprodukte, Drogerieartikel und viele mehr.

Andererseits gehören dazu die Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente auf ärztliches Rezept und bestimmte Leistungen, die direkt mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Viele Apotheken können nur dank diesem Anteil überleben und ihren Service aufrechterhalten. Er ermöglicht auch eine gewisse Unabhängigkeit. Daraus wird deutlich, wer die (eigentlich teure) Beratung indirekt vergütet: Erstens die Kunden der Apotheke und zweitens das Kollektiv der Versicherten.

Gratis-Beratung bringt viele Vorteile. Worin liegen mögliche Probleme und Risiken, wenn eine Dienstleistung nicht direkt, sondern indirekt finanziert wird?

Das Modell der Querfinanzierung kann zur Folge haben, dass der Wert der Information falsch wahrgenommen wird. Während das Medikament als etwas Wertvolles verstanden wird, weil dafür bezahlt werden muss, wird die Beratung teilweise gering geschätzt. Dabei wird nicht verstanden, dass abstrakte, gegenstandslose Information genau soviel und mehr wert sein kann (und kostet) wie ein gegenständliches Objekt. Die Beratung gerät aus dem Fokus: Viele Kunden gehen primär in eine Apotheke, um etwas zu kaufen und nicht um beraten zu werden. Nicht-medikamentöse Therapien treten in den Hintergrund.

Zweitens entsteht beim direkten Verkauf an die Kunden manchmal ein Interessenkonflikt. Apotheker sind in der etwas schizophrenen Position, dass sie gleichzeitig Gesundheitsfachleute und Verkäufer sind. Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass ab und zu Produkte verkauft werden, die der Kunde nicht benötigt und die nicht wirksam oder zweckmässig sind.

Fazit: Apotheken leisten mit der Gratis-Beratung einen wertvollen Beitrag zur Gesundheitsversorgung. Die Qualität der Dienstleistung kann jedoch vom Modell der Quersubventionierung manchmal negativ beeinflusst werden.

Interessenkonflikte: Keine / unabhängig. Der Autor ist Apotheker.


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Dieser Artikel wurde zuletzt am 14.6.2012 geändert.
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