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Eskapismus

Eine schöne Illustration für Eskapismus ist für mich ein 10-jähriger Junge, der am Fernseher einen Spielfilm schaut. Den Mund leicht geöffnet, die Augen starr auf den Schirm gerichtet, ist er mit der Illusion eins geworden und seinem Helden verschmolzen. Wenn ich ihn so betrachte ist es, als sähe ich mich selbst vor Jahrzehnten, als ich die grossen Filme von Lucas, Spielberg und Zemeckis am Fernsehen sah, Star Wars, Indiana Jones und Back to the Future. An das Erlebnis selbst erinnere ich mich nicht mehr gut, eher an die Zeit danach, als die Verbindung zerrissen war und man sie durch allerlei Ersatzartikel wie Poster und Merchandise wieder herzustellen hoffte. Bei mir waren es die Soundtracks. Ich streunte in Elektronikfachgeschäften umher, um vom bescheidenen Taschengeld die Filmmusik auf Kassette zu kaufen, die dann aber nie ein vollständiger Ersatz sein konnte. Gleichzeitig fand immer eine gewisse Rückwirkung in die Realität statt, indem wir als Kinder unseren virtuellen Helden nacheiferten. Dasselbe kann ich heute bei den Mädchen beobachten, die sich nach wie die Protagonistinnen in modernen Tanzfilmen kleiden und abends den Tanzunterricht besuchen.

Offensichtlich haben Kinder die Fähigkeit, viel tiefer in Fantasien einzutauchen als Erwachsene, da sie selbst noch nicht ganz in unserer Wirklichkeit mit ihren Konventionen angekommen sind. Die Kleinen können Fiktion und Wirklichkeit nicht vollständig unterscheiden. Mit den Jahren und der zunehmenden Erfahrung findet eine gewisse Gewöhnung statt und man verliert die Fähigkeit, das Gesehene so vollkommen als gegeben zu akzeptieren.

Gemäss dem Duden ist Eskapismus aus dem Lateinischen, Französischen und Englischen abgeleitet. Das Englische ist naheliegend, to escape kann man übersetzen als entkommen, flüchten, entgehen, aussteigen, wobei für mich das Flüchten an erster Stelle steht. Der Duden definiert Eskapismus in erster Bedeutung als „Hang zur Flucht vor der Wirklichkeit und den realen Anforderungen in eine imaginäre Scheinwirklichkeit“ und Eskapismus lässt sich als Welt- oder Wirklichkeitsflucht übersetzen.

Ist der Junge vor dem Fernseher tatsächlich ein Eskapist? Dazu muss zuerst die Frage nach der Flucht beantwortet werden. Eskapismus scheint das Flüchten vor etwas zu beinhalten, was wiederum dieses Etwas voraussetzt, vor dem geflüchtet werden muss, also zum Beispiel eine Bedrohung, eine Gefahr, etwas Neues, Unangenehmes oder auch (zu) Schönes. In Pan’s Labyrinth aus dem Jahr 2006 vom Regisseur Guillermo del Toro, sind die Kriterien mit Sicherheit erfüllt (Segal, 2009). Der Film handelt kurz nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs im Jahr 1944. Ofelia, ein junges Mädchen, reist mit seiner Mutter zu ihrem Stiefvater, einem Hauptmann von Francos Armee, der in den spanischen Bergen mit seiner Truppe nach kommunistischen Rebellen sucht. Ofelia ist mit einer kaum zu ertragenden Wirklichkeit konfrontiert. Dazu gehören die Erlebnisse des Bürgerkriegs, der empathielose, böse und psychopathische Stiefvater, der sie nicht akzeptiert, der Verlust des eigenen Vaters und später der Mutter.

Ihr Eskapismus besteht darin, dass sie sich unbewusst in einer selbst erfundenden und von ihr als wahr akzeptierten Fantasygeschichte, in der sie selbst die Hauptrolle spielt, komplett verliert. Der Film erzählt die Fantasygeschichte aus Ofelias Perspektive, die sich als eigene Wirklichkeit entfaltet, in die auch der Zuschauer hineingetragen wird. Erst ganz zum Schluss wird die Sicht von aussen gezeigt und deutlich, dass es sich um eine Imagination des Mädchens gehandelt hat. Der Zuschauer selbst flüchtet beim Betrachten zweimal aus der Realität. Zum ersten aus seiner eigenen und zum zweiten aus der Film-Wirklichkeit in die Vorstellung des Mädchens. Der Film hält ihm so den Spiegel vor und zeigt ihm seine eigene Flucht aus dem Alltag in den Kinosaal.

Pan’s Labyrinth ist ein Vorzeigebeispiel für einen Eskapismus. Eine schreckliche Situation, ein traumatisierter Mensch und eine andauernde, anschauliche, fast halluzinogene Flucht in eine Fantasiewelt. Die Verdrängung des Alltags ist so extrem, dass von einem Realitätsverlust gesprochen werden muss.

Erfüllt unser Junge vor dem Fernseher dieselben Kriterien? Sein TV-Konsum wird von den Eltern stark eingeschränkt. Er darf höchstens einmal pro Woche einen Film und nachmittags ab und zu einen Trickfilm sehen. Er lebt in intakten Familienverhältnissen und scheint psychisch gesund. Das Suffix –ismus deutet hingegen auf einen chronischen und pathologischen Zustand, den der Bub aus meiner Sicht (noch) nicht erfüllt.

Eine gewisse Wirklichkeitsflucht scheint normal und gesund zu sein. Es scheint uns schwierig zu fallen, die Welt, unsere Gewohnheiten, den Alltag und die Situation, in der wir befinden, dieses Stück Stein, auf dem wir durch den Weltraum jagen, dauerhaft ohne Verleugnung zu ertragen. Aber vielleicht liegt es nicht an dieser irrwitzigen Realität, dass wir hin und wieder fort wollen.

In Before Sunrise sagt Jesse zu Céline: „I know what you mean about wishing somebody wasn't there, though. It's just usually it's myself that I wish I could get away from. Seriously, think about this. I have never been anywhere that I haven't been. I've never had a kiss when I wasn't one of the kissers. Y'know, I've never gone to the movies, when I wasn't there in the audience. I've never been out bowling, if I wasn't there, you know making some stupid joke. I think that's why so many people hate themselves. Seriously, it's just they are sick to death of being around themselves.“ Die Tatsache, dass wir etwa 16 Stunden pro Tag mit uns selbst zusammen sind, kann uns ermüden.

Die Frage, was unter Eskapismus zu verstehen ist, war nie aktueller als heute. Denn die Medien- und Elektronikindustrie hat in den vergangen Jahren und Jahrzehnten Produkte hervorgebracht, die eine Realitätsflucht der Massen in nie gekanntem Ausmass ermöglicht haben. Verfolgen wir dazu einen (sub)urbanen Studenten am Morgen auf dem Weg zu einer Vorlesung. Kurz nachdem er aufgestanden ist, schaltet er das Radio ein, dessen Musik und seichtes Plaudern ihn für die nächsten vierzig Minuten einhüllt. Das Radio ist ein altes Medium, aber es erfüllt seinen Zweck zur sanften Flucht aus den Grauen der Gewohnheit (in diesem Fall des Morgenrituals) nach wie vor. Unser Student wohnt etwas ausserhalb in der Agglomeration und muss deshalb noch die S-Bahn bis zur Stadt nehmen. Da die Fahrt zwanzig Minuten dauert, kramt er sein Smartphone hervor und stöpselt sich die Ohren mit Musik zu, während er im Internet surft und Nachrichten empfängt.

Passagiere in solchen Zügen sind immer ausserordentlich beschäftigt. Eigentlich könnten sie ruhig sitzen und warten, bis das Ziel erreicht ist. Aber die meisten nehmen an der Fahrt gar keinen Anteil. Sie sind wie der Junge vor dem Fernseher geistig abgekapselt in einem anderen Universum; sie sind eigentlich gar nicht anwesend, der Zug ist menschenleer. Zu den Tools, welche die Flucht ermöglichen, gehören Smartphones, Tablets, Notebooks, Zeitungen und Bücher. Ich glaube, es geht nicht nur darum, der Langeweile, sondern wie es Jesse schildert, seiner eigenen Existenz zu entfliehen.

Zugfahren ist - im Unterschied zu Autofahren - wie in den geistigen Spiegel schauen, es ermöglicht die Konfrontation mit dem eigenen Selbst, bringt einen ins Nachdenken und Grübeln. Es ist eine der seltenen Möglichkeiten des Tages, mit sich selbst alleine zu sein. Viele fürchten sich davor und versuchen der Situation so gut wie möglich zu entgehen. Ein zweites Problem beim Zugfahren stellt die verrückte Situation dar, zwar mit vielen Menschen auf engstem Raum zusammen zu sein, aber diese alle ignorieren zu müssen. Zwar sind immer wieder interssante Kontakte möglich, aber das Grundverständnis scheint zu sein, dass man sich gegenseitig behandelt, als wäre man unsichtbar. Es ist unmenschlich.

Die Smartphones sind kleine, mobile Varianten der potentesten Eskapismus-Maschine, die je geschaffen wurde: Des Computers. Der Computer ist vor allem deshalb ein so kraftvoller Antreiber zur Weltflucht, weil er generisch ist. Das heisst, er ist nicht, wie zum Beispiel eine Büroklammer oder die Mona Lisa, eine einzelne, festgelegte Entität für einen bestimmten Zweck, sondern unendlich vielgestaltig. Er ist Radio, Fernsehen, Kino, Zeitung, Internet, Diaprojektor, Postzentrale, Kaufhaus, ... alles in einem. Die Kontakte, die wir mit ihm zu anderen Menschen herstellen können, sind Abstraktionen. Facebook, das überpopuläre soziale Netzwerk, ist dafür ein gutes Beispiel. Nie haben mehr Menschen daran geglaubt, bei einer Fotografie handle es sich um eine reale Person, wo sie doch nur eine Repräsentation ist.

Unser Student hat mittlerweile mit dem Bus die Universität erreicht. Er ist spät und es reicht ihm gerade noch für den Beginn der Vorlesung. Der Vortrag des Professors findet im Power-Point-Format statt und er ist bereits wieder in der digitalen Welt angekommen. Erst beim Mittagessen kommt der Student erstmals dazu, mit jemandem anderen direkt zu sprechen.

Der Eskapismus ist einerseits ein Genussmittel, andererseits aber vor allem ein starkes Mittel zur Verdrängung oder Kompensation. Anstatt seinen Problemen gegenüberzutreten und sie mit dem dazu verbundenen Aufwand zu lösen versuchen, rennt man vor ihnen davon, weicht ihnen aus und versucht, sie auszublenden. Was natürlich nichts daran ändert, dass sie weiter bestehen. Es ist die Strategie der Kinder, sich die Augen zuzuhalten und dabei zu glauben, dadurch selbst zu verschwinden.

Vor welcher Wirklichkeit fürchten wir uns? Wodurch ist sie von der Scheinwirklichkeit abzugrenzen? Im weitesten Sinne kann jede Aktivität und jeder Zustand der Schein oder Ersatz von etwas anderem sein. Oder um es einfacher auszudrücken, bereits ein Gedankengang kann einen anderen ausblenden und so vor ihm davonrennen. Im engeren Sinn glaube ich, die Wirklichkeit ist die (gegenständliche) Gegenwart, in wir im Moment erleben und die Menschen, die uns umgeben. Aber auch diese kann bereits als eine Flucht vor einer anderen, noch tiefer liegenden Wirklichkeit gelten. Denn unsere Zivilisation, die Städte und Räume in denen wir uns bewegen, sind so durchweg künstlich, dass die Natur darunter oft nicht mehr zu erkennen ist. Wenn man sich in einer Stadt 360 Grad im Kreis dreht, kann es vorkommen, dass man nichts Natürliches mehr zu Gesicht bekommt: Alles ist vom Menschen erschaffen, bearbeitet oder gestaltet. Die gesamte menschliche Kultur kann als Eskapismus vor der Natur gesehen werden.

„He was a boy of the suburbs. He liked trees and grass and birds just fine, but he liked them regimented, the grass mowed, the trees planted a uniform distance from one another, the birds regulated by local ordinance.“ - Tim Kring

siehe auchLiteratur

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Dieser Artikel wurde zuletzt am 15.12.2015 geändert.
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