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Die Schüssler-Lüge

Wie mit Placebotabletten Millionen verdient werden. Eine Polemik.

Im Jahr 1873, kurz bevor Aspirin und Coca-Cola lanciert wurden und die Schulmedizin noch mit dem toxischen Quecksilber und Schwefel therapierte, veröffentlichte der deutsche Arzt Dr. Wilhelm Heinrich Schüssler die Grundzüge seiner neuen Arzneimitteltherapie. Zwölf Mineralsalze, Nummer 1 bis 12, mit Milchzucker verdünnt, sollten die biochemischen Prozesse der Zellen normalisieren und die üblichen Arzneien entbehrlich machen.

Heute sind Schüssler-Salze populärer denn je zuvor. In den vergangenen Jahren hat sich eine regelrechte Schüssler-Industrie entwickelt, die mit den Arzneimitteln jährlich ansehnliche Summen umsetzt. Neben den Tabletten, welche den Kern des Systems darstellen, wird heute auch mit Schüssler-Kosmetika, -Beratungen, -Büchern, -Vorträgen und -Seminaren kräftig Kasse gemacht.

Dabei ist kaum jemandem bewusst, was sich hinter den lateinisch-homöopathischen Bezeichnungen der Salze versteckt. Und nur wenige verstehen, wie täglich tausende Patientinnen und Patienten mit falschen Versprechen betrogen werden.

Zum Beispiel die Nr. 8, Natrium chloratum D6. Was ist eigentlich in einer dieser 0.25 g schweren Tabletten enthalten? Was ist das aktive Prinzip des angeblichen Medikaments? Natrium chloratum ist die lange veraltete Bezeichnung für das, was das Arzneibuch heute als Natriumchlorid definiert. Und Natriumchlorid ist nichts anderes als das gewöhnliche Kochsalz, von dem wir täglich mehrere Gramm mit Lebensmitteln zu uns nehmen. Wir haben es also mit einer Kochsalztablette zu tun, die laut einem Schüssler-Ratgeber gegen Blutarmut, Bleichsucht, Appetitlosigkeit, Durchfall, Hämorrhoiden, Hautausschläge und Migräne wirksam sein soll. Um nur einige wenige zu nennen, denn für jeden therapiebedürfigen Zustand gibt es ein entsprechendes Schüssler-Salz. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Indikationslyrik“.

Bleibt noch die Bezeichnung D6, welche für die enthaltene Menge Kochsalz in der Tablette steht. Die Dezimalpotenz ist der Homöopathie entlehnt und bedeutet, dass die Tablette 0.25 Millionstelgramm Kochsalz enthält, in der Potenz D12 sogar nur 0.25 Billionstelgramm. Das ist erstaunlich wenig. So wenig, dass jeglicher Effekt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann.

Um Spaghetti zu salzen, würden also einige Millionen resp. Billionen der Tabletten benötigt. Oder um es anders auszudrücken, alle Tabletten, Nummer 1-12, bestehen im Wesentlichen aus Milchzucker und extrem wenig Salz. Dass 100 g der Mittel weit über 10 Franken kosten, ist deshalb schwierig nachvollziehbar. Und es wird deutlich, dass die Milchzucker-Tabletten nicht zur Behandlung eines Mineralstoffmangels (z.B. Eisenmangel, Osteoporose) eingesetzt werden dürfen, wie es in der Praxis häufig beobachtet wird.

Im Unterschied zu schulmedizinischen Medikamenten, die monate- bis jahrelang an tausenden von Patienten getestet werden müssen, fehlt der Wirkungsnachweis mit klinischen Studien für die beanspruchten Anwendungsgebiete. Weshalb lässt die Arzneimittelbehörde solche Scheinmedikamente überhaupt zu?

Schüssler-Salze sind aus unserer Sicht nicht wirksamer als Placebo und sollten deshalb nicht als Arzneimittel bezeichnet werden.

Autor

Interessenkonflikte: Keine / unabhängig. Der Autor hat keine Beziehungen zu den Herstellern und ist nicht am Verkauf der erwähnten Produkte beteiligt.


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Dieser Artikel wurde zuletzt am 30.11.2015 geändert.
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