Antiadiposita (Schlankheitsmittel)
ArzneimittelgruppenZusammenfassungAntiadiposita oder Schlankheitsmittel sind Arzneimittel zur Behandlung von Übergewicht und Fettleibigkeit. Mit den Arzneimitteln soll das Körpergewicht reduziert oder gehalten und assoziierte Gesundheitsrisiken vermindert werden. In der Schweiz ist derzeit nur noch ein Wirkstoff als Antiadipositum registriert, der Lipasehemmer Orlistat. Viele Medikamente wie zum Beispiel die Schilddrüsenhormone oder neuere Antiepileptika sind antiadipös wirksam, aber nicht in dieser Indikation zugelassen. Sie werden teilweise Off-Label verschrieben oder missbraucht. Schliesslich sind unzählige alternative Mittel und Medizinprodukte im Handel.
synonym: Anorektika, Appetitzügler, Schlankheitsmittel, Anti-obesity drugs
Wirkungen
Antiadiposita unterscheiden sich in ihren Wirkungen. Sie hemmen den Appetit oder erhöhen die Sättigung, hemmen die Aufnahme von Nahrungsbestandteilen im Darm oder fördern deren Verwertung, erhöhen den Energieumsatz und abbbauende Stoffwechselprozesse. Das ideale Schlankheitsmittel würde einen schnellen, hohen und stabilen Gewichtsverlust ermöglichen und gleichzeitig sehr gut verträglich und bei allen Patientengruppen anwendbar sein. Ein solches Wundermittel ist derzeit leider noch nicht im Handel. Zahlreiche neue Wirkstoffe mit verschiedenen Ansätzen sind in klinischer Entwicklung. Es wäre wünschenswert, dass aus dieser Forschung ein Arzneimittel hervorgeht, das dem idealen Antiadipositum zumindest nahe kommt. Rimonabant (Acomplia®), einer der ersten dieser Hoffnungsträger, wurde jedoch bereits wieder vom Markt zurückgezogen.
Indikationen
Antiadiposita werden angewendet bei Übergewicht (BMI 25-29.9 kg/m2) und bei Adipositas (Fettleibigkeit, BMI ≥ 30 kg/m2). Sie werden zusätzlich und häufig erst als Mittel der 2. Wahl zu nicht-medikamentösen Massnahmen wie Bewegung und Sport, Diät, Chirurgie und Lebensstilveränderungen verschrieben.
1. Zugelassene Wirkstoffe
- Orlistat (Xenical®, Alli®) hemmt im Dünndarm die Verdauung von Fetten und ist zugelassen als Zusatzmassnahme bei Fettleibigkeit oder schwerem Übergewicht. Die Fette werden nicht in den Organismus aufgenommen, sondern über den Stuhl ausgeschieden. Da sie unverdaut in den Dickdarm gelangen, treten als unerwünschte Wirkungen Beschwerden im Magen-Darm-Trakt wie Fettstühle, Durchfall und Bauchschmerzen auf, insbesondere dann, wenn die Nahrung einen hohen Fettanteil enthält. Deshalb muss eine fettarme Diät eingehalten werden. Orlistat kann vor, während oder bis zu 1 Stunde nach dem Essen eingenommen werden. Alli® ist in einigen Ländern rezeptfrei erhältlich, unter anderem auch in Deutschland und seit 2010 in der Schweiz.
2. Zulassung kürzlich aufgehoben
Selektive Serotonin und Noradrenalin Reuptake Inhibitoren (SSNRI):
- Sibutramin (Reductil®, ausser Handel) wirkt appetithemmend, verstärkt das Sättigungsgefühl und erhöht möglicherweise die Thermogenese. Die Wirksamkeit wurde in zahlreichen klinischen Studien belegt und beruht auf einer Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin. Es war zugelassen als Zusatzmassnahme bei Fettleibigkeit (BMI ≥ 30). Bei der Behandlung mussten die zahlreichen Kontraindikationen, die Interaktionen und die unerwünschten Wirkungen beachtet werden. Sibutramin führt häufig zu unerwünschten Wirkungen, wie zum Beispiel Herzklopfen, Blutdruckerhöhung, Verstopfung, Mundtrockenheit, Gefässerweiterung, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Es durfte nur unter ärztlicher Kontrolle verabreicht werden. Sibutramin wurde in der Schweiz Ende März 2010 vom Markt genommen. Weitere Wirkstoffe aus der Gruppe der SSNRI wie die Antidepressiva Venlafaxin (Efexor®, Generika) und Duloxetin (Cymbalta®) sind ebenfalls appetithemmend, aber nicht in dieser Indikation zugelassen.
Cannabinoid-Rezeptor-Antagonisten:
- Rimonabant (Acomplia®, ausser Handel). Cannabinoid-Rezeptor-Antagonisten heben die Effekte des Endocannabinoidsystems auf, das physiologisch durch den endogenen Liganden Anandamid und durch das Rauschmittel Cannabis aktiviert wird. Die Effekte sind weitgehend jenen von Cannabis entgegengesetzt. Cannabinoid-Rezeptor-Antagonisten wirken appetithemmend, antiadipös und lipidsenkend und werden zur Behandlung von Übergewicht und Fettleibigkeit verwendet. Häufige unerwünschte Wirkungen sind psychiatrische Störungen wie depressive Verstimmungen. Der bisher einzige Vertreter der Arzneimittelgruppe ist Rimonabant (Acomplia®, Sanofi-Aventis) und wurde kurz nach der Einführung aufgrund des schlechten Nutzen-Risiko-Verhältnisses 2008 wieder vom Markt zurückgezogen.
3. Nicht zugelassene Wirkstoffe
Viele weitere Arzneimittel können das Körpergewicht senken, sind aber nicht in den Indikationen Übergewicht und Adipositas zugelassen. Ihre gewichtssenkende Wirkung kann bei der zugelassenen Indikation nützlich sein, zum Beispiel bei Diabetes mellitus oder Depression mit gleichzeitigem Übergewicht. Aufgrund der unerwünschten Wirkungen ist aber fraglich, ob sie in ärztlicher Behandlung Off-Label zur ausschliesslichen Behandlung von Übergewicht verschrieben werden sollten.
Sympathomimetika, Amphetamine und Amphetaminähnliche:
- Amphetamin, Ephedrin, Phentermin, Phenylpropanolamin, Aminorex, Mazindol, Methylphendiat und andere. Sie wirken hauptsächlich appetithemmend und sind in der Schweiz aufgrund ihres Potentials für unerwünschte Wirkungen, Missbrauch und Abhängigkeit in dieser Indikation nicht mehr im Handel.
Noradrenalin und Dopamin Wiederaufnahmehemmer:
- Bupropion (Zyban®, Wellbutrin®) ist zur Behandlung von Depressionen und zur Raucherentwöhnung zugelassen. Es verstärkt das Sättigungsgefühl und scheint mässig wirksam.
Serotonin Wiederaufnahmehemmer:
- Fluoxetin (Fluctine®, Generika) wird Off-Label verschrieben und ist appetithemmend. Die klinische Wirksamkeit insbesondere im Hinblick auf einen längerfristigen Gewichtsverlust ist aber umstritten.
- Fenfluramin ist direkt und indirekt serotonerg wirksam. Es galt insbesondere in der Kombination mit Phentermin ("Fen-Phen") als sehr gut wirksam, wurde aber aufgrund unerwünschter Wirkungen vom Markt genommen (pulmonale Hypertonie, Herzklappenstörungen).
- Sertralin (Zoloft®, Generika)
- Die Schilddrüsenhormone Levothyroxin und Liothyronin werden bereits seit dem 19. Jahrhundert als Schlankheitsmittel eingesetzt. Sie fördern den Fettabbau und steigern den Grundumsatz. Problematisch sind die zahlreichen unerwünschten Wirkungen.
- Betahistin wirkt appetithemmend und könnte in Zukunft als Antiadipositum eingesetzt werden.
- Inkretine wie GLP-1 (Glucagon-like Peptide 1) verzögern die Magenentleerung und wirken sättigend. Auf dem Markt erhältlich ist Exenatid (Byetta®) aus der Gruppe der Inkretin-Mimetika. Es ist zur Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 zugelassen und muss bisher subkutan verabreicht werden. Die verzögerte Magenentleerung führt häufig zu Übelkeit als unerwünschte Wirkung.
- Dipeptidylpeptidase-4 Inhibitoren wie Vildagliptin (Galvus®) und Sitagliptin (Januvia®) hemmen den Abbau der Inkretine und fördern so ihre Effekte.
- Metformin (Glucophage®, Generika) hat einen antiadipösen Effekt, der bei Diabetikern (Typ 2) erwünscht ist, da diese häufig übergewichtig sind.
- Andere Antidiabetika führen tendenziell eher zu einer Gewichtszunahme.
Neuere Antiepileptika:
- Topiramat (Topamax®) ist zur Behandlung von Epilepsie und zur Migräneprophylaxe zugelassen und wirkt appetithemmend. Die Wirksamkeit als Antiadipositum ist nachgewiesen, wird aber durch häufig auftretende unerwünschte Wirkungen wie zum Beispiel Schläfrigkeit, Abgeschlagenheit, Parästhesien, Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit limitiert. Ähnliches gilt auch für Zonisamid (Zonegran®)
- Naltrexon (Naltrexin®) hemmt die Nahrungsaufnahme. Es ist zugelassen zur medikamentösen Unterstützung bei der Entwöhnungsbehandlung vormals Opiatabhängiger. Appetitlosigkeit ist dabei eine häufige unerwünschte Wirkung. Naltrexon wird Off-Label auch bei anderen Suchterkrankungen angewendet. Eine Kombination mit Bupropion ist zurzeit in klinischer Untersuchung bei Adipositas.
Missbrauch
Da viele Arzneimittel antiadipös wirksam, aber nicht in dieser Indikation zugelassen sind, werden sie von einigen Patienten missbräuchlich zum Abnehmen eingesetzt. Dies gilt etwa für die Schilddrüsenhormone oder Sympathomimetika wie Ephedrin und Phenylpropanolamin, die als Tierarzneimittel erhältlich sind. Der mögliche Missbrauch muss in der Apotheke beachtet werden, da die nicht-kontrollierte Einnahme solcher Mittel zu schweren unerwünschten Wirkungen führen kann, insbesondere durch Interaktionen und bei Gegenanzeigen.
Ein weiteres Problem stellen im Internet gehandelte Schlankheitsmittel dar, die mit potenten Wirkstoffen versetzt sind. Die Swissmedic warnte erst kürzlich vor dem Schlankheitsmittel Zhen de Shou, das über das Internet vertrieben wird und Sibutramin enthält.
4. Alternative Antiadiposita
Zahlreiche pflanzliche und andere alternativmedizinische Mittel sind als Arzneimittel, Medizinprodukte oder Nahrungsmittelergänzungen erhältlich. Die Wirksamkeit dieser Mittel ist in der Regel nicht zuverlässig nachgewiesen. Auch pflanzliche Mittel können zu unerwünschten Wirkungen führen, wie zum Beispiel Coffein, Tabak (Rauchen), Ephedra oder pflanzliche Abführmittel.
Nahrungsfasern und Ballaststoffe:
- Konjakmehl (Konjacpflanze, Glucomannan), Guar (Guargalactomannan), Topinambur, Flohsame, Indischer Flohsame und Litramine™ sollen durch Quellung mit Wasser sättigend wirken und die Absorption von Fetten hemmen. Sie sollen mit ausreichend Wasser eingenommen werden.
- Chitosan ist ein ß-1,4-Polymer aus D-Glucosamin und N-Acetyl-D-Glucosamin aus Krebstierpanzer, bindet gemäss Hersteller Fette in der Nahrung und hemmt sie so an der Aufnahme in den Organismus. Ausführliche Informationen finden Sie unter dem Artikel Chitosan.
Coffein und Coffeindrogen:
- Kaffee, Schwarztee, Grüntee, Guarana, Mate fördern den Energieumsatz.
- Ephedra und sein Inhaltsstoff Ephedrin hemmen den Appetit und fördern die Thermogenese. Sie scheinen bedingt wirksam, sind in der Schweiz in dieser Indikation nicht zugelassen und können zu schweren unerwünschten Wirkungen führen (Herz-Kreislauf). Geläufig ist die Kombination mit Coffein.
Weitere (Auswahl):
- Pflanzliche Diuretika und Laxantien, Algen, Spirulina, Ginseng, Chrom, Hoodia-Kaktus, Garcinia cambogia, Lakritze, L-Carnitin, Löwenzahn, Johanniskraut, Vitamin B5, Apfelessig und Guggul. Guggul ist das Harz des Balsambaumes Commiphora mukul und wird in der ayurvedischen Medizin gegen Übergewicht eingesetzt.
Literatur
- Aronne L.J. et al. When prevention fails: obesity treatment strategies. Am J Med, 2009, 122(4 Suppl 1), S24-32 Pubmed

- Avenell A., Sattar N., Lean M. ABC of obesity. Management: Part I - behaviour change, diet, and activity, BMJ, 2006, 333(7571), 740-3 Pubmed

- Chiesi M., Huppertz C., Hofbauer K.G. Pharmacotherapy of obesity: targets and perspectives. Trends Pharmacol Sci, 2001, 22(5), 247-54 Pubmed

- Clapham J.C., Arch J.R., Tadayyon M. Anti-obesity drugs: a critical review of current therapies and future opportunities. Pharmacol Ther, 2001, 89(1), 81-121 Pubmed

- Colman E. Anorectics on trial: a half century of federal regulation of prescription appetite suppressants. Ann Intern Med, 2005, 143(5), 380-5 Pubmed

- Cooke D., Bloom S. The obesity pipeline: current strategies in the development of anti-obesity drugs. Nat Rev Drug Discov, 2006, 5(11), 919-31 Pubmed

- Ioannides-Demos L.L., Proietto J., McNeil J.J. Pharmacotherapy for obesity. Drugs, 2005, 65(10), 1391-418 Pubmed

- Kinnell H.G. European withdrawal of appetite suppressants. Obes Rev, 2003, 4(2), 79-81 Pubmed

- Lean M., Finer N. ABC of obesity. Management: part II - drugs. BMJ, 2006, 333(7572), 794-7 Pubmed

- Luque C.A., Rey J.A. The discovery and status of sibutramine as an anti-obesity drug. Eur J Pharmacol, 2002, 440(2-3), 119-28 Pubmed

- Rubio M.A. et al. Drugs in the treatment of obesity: sibutramine, orlistat and rimonabant. Public Health Nutr, 2007, 10(10A), 1200-5 Pubmed

- Saper R.B., Eisenberg D.M., Phillips R.S. Common dietary supplements for weight loss. Am Fam Physician, 2004, 70(9), 1731-8 Pubmed

- Tankova T. et al. Metformin in the treatment of obesity in subjects with normal glucose tolerance. Rom J Intern Med, 2003, 41(3), 269-75 Pubmed

- Arzneimittel-Kompendium
- Reynolds J. (Hrsg.) Martindale. The Extra Pharmacopoeia. London: The Pharmaceutical Press, 1989
- Gebrauchsinformation Formoline L112 http://www.formoline.ch/

- http://www.orexigen.com

- http://www.alpinamed.ch/

Interessenskonflikte: Keine


